Andere Lebenswelten kennenlernen - Fokus junges jüdisches Leben in Berlin 

Unser Instagram-Account zum Projekt: https://www.instagram.com/juedische_lebenswelten/

Wir freuen uns die Projekte auch aktuell beim Festival Offenes Neukölln vom 4. - 6. Juni 2021 vorstellen zu können mit Filmbeiträgen: https://www.offenes-neukoelln.de/programm?search=Vincentino+

Die Medienwerkstatt von Vincentino veranstaltet unter der Federführung junger jüdischer Protagonist*innen eine Projektreihe unter dem Titel „Andere Lebenswelten kennenlernen - Fokus junges jüdisches Leben in Berlin" für Kinder und Jugendliche in Berliner Schulen. Dabei gewinnen Schüler*innen aus verschiedenen Bezirken neue Einblicke in jüdische Lebenswelten. Die jungen Stadtbewohner*innen dokumentieren ihre Erfahrungen, Erlebnisse, Meinungen und Diskussionen mit Unterstützung der Dozent*innen digital und tauschen ihre Erkenntnisse mit Freunden, Eltern, und Gruppen aus anderen Kiezen aus.

Das Projekt baut auf direkte Begegnungen der Kinder und Jugendlichen mit jüdischem Leben in Berlin auf. Mit couragierten jüdischen Expert*innen lernen Kinder zwischen 9 und 16 Jahren ihnen unbekannte Orte oder Institutionen kennen. Sie besuchen, recherchieren und besprechen diverse alltägliche Lebenswelten, z.B. einen koscheren Supermarkt, Initiativen wie "Meet a Jew", Keshet, einen Jüdischen Kindergarten oder Schule, eine Synagoge uvm. Orte, Personen und Lebenspraktiken, die die Protagonist*innen ins Spiel bringen.

Eine der  PROTAGONIST*innen, die mit den Kids arbeiten, ist Mirna Funk, die weitere Gäste wie Olga Grjasnowa, Max Czollek, Leon Kahane, Shahak Shapira, Palina Rojinski, Laura Cazes, Miki Hermer einlädt.

Im Projekt geht es immer interaktiv zu. Die Dozent*innen lassen die Schüler*innen erzählen, was ein Jude ist; wer jemanden kennt; woher die Informationen stammen? Alle dürfen wertfrei alles aussprechen, oder man wählt Module, bei dem man anonym aufschreibt, welche „Begriffe“ einem durch den Kopf gehen. Die Aussagen und Fragen der Schüler*innen werden diskutiert, deren Bedeutungsvielfalt betrachtet. Besuche an jüdische Orte werden recherchiert und umgesetzt, oder interessante junge Jüd*innen eingeladen. Die Dozent*innen erarbeiten die Inhalte mit den Kindern gemeinsam mit dem Medienprofi Matthias Schellenberger und den begleitenden Lehrer*innen. Sie coachen die Schüler*innen altersgemäß und geben ihnen Unterstützung, das passende mediale Format zu finden, um ihre Erfahrungen digital zu dokumentieren. Die Kinder interviewen auch ihre Eltern oder nahe Personen, um verschiedene Meinungen herauszuarbeiten. Danach tauschen die Kinder ihre, und die gesammelten Haltungen im eigenen Zuhause und mit Kindern aus anderen Milieus aus.

Das Medienprojekte erkundet die Heterogenität des jungen jüdischen Lebens. Die Kids erstellen dabei kurze digitale Beiträge. Die Projektstunden finden im Unterricht, als Projektwoche oder als Projekttage an der Schule statt und schließen - wenn möglich - mit öffentlichen Präsentationen ab. Vincentino ist bestrebt, den Kindern und Jugendlichen mit ihren Ideen und Vorstellungen eine öffentliche Stimme zu geben, deshalb laden wir zu den Präsentationen Gäste aus anderen Initiativen oder Persönlichkeiten aus Berlin ein. Die Möglichkeiten zu einer geeigneten Darstellung oder Präsentation ergibt sich im Laufe des Projektes.

Wir arbeiten auf Augenhöhe mit den Kids an der Basis, meist mit einer sehr herausfordernden Schülerschaft. Daher planen wir die Projekte sehr offen, denn der Zeithorizont für ein mediales Endprodukt (Videoclip, Stop-Trick o.ä.) kann für Förderschüler*innen in Neukölln ein ganz anderer sein, als für Grundschüler*innen in Pankow. Möglicherweise kann eine Gruppe ihre digitalen Reportagen anderen Schüler*innen in einem anderen Kiez selbst vorstellen.

Das allgemeine Ziel ist, andere Lebenswelten als die eigene kennenzulernen, sich mit eigenen Vorstellungen und Vorurteilen und von anderen auseinanderzusetzen, sich eine Meinung zu bilden und auch zuhause in einen Austausch zu treten. Dabei dürfen explizit alle Ideen, die die Kinder und Jugendlichen im Kopf haben, ausgesprochen werden. Ein weites Ziel ist, die Kinder und Jugendlichen aus verschiedenen Stadtteilen miteinander in Kontakt zu bringen und sich über ihre und andere Lebenswelten zu informieren - sei es digital oder real bei Projektpräsentationen. Wir versuchen einen Austausch über Schultypen und unter verschiedenen sozialen Gruppen hinweg zu ermöglichen, um mit Kindern aus unterschiedlichen Religionen, Kulturen, Familien- und Rollenmodellen in Dialog zu kommen. 

 

MÖGLICHE SCHULEN:

• Bötzow-Grundschule (John-Scheer-Straße 38, 10407 Berlin)

• Adolf Reichwein Förderschule in Berlin-Neukölln (Sonnenallee 188, 12059 Berlin)

• Campus Efeuweg in Süd-Neukölln/Rudow 

• Robert Reinick Grundschule in Spandau 

• Aziz-Nesin-Grundschule, türkische Europaschule 

• Albrecht Dürer Gymnasium in Neukölln 

Wenn Sie als Schule dabei sein möchten, wenden Sie sich bitte an Ulla Giesler unter 0179-4761446 oder giesler@vincentino.org

Das Medienprojekt wird zwischen April und Dezember 2021 mit Schüler*innen aus ca. 6 Klassen mit Projektstunden, in Projektwochen oder an Projekttagen mit Erkundungstouren stattfinden. Die passgenaue Integration in den Schulalltag wird Anfang 2021 vorgenommen.

DIE ORGANISATION übernimmt Ulla Giesler, Kulturwissenschaftlerin, die die KONZEPTION gemeinsam mit Mirna Funk und Matthias Schellenberger erarbeitet hat. Antonia Schlesinger unterstützt im Projektverlauf im Büro.

MEDIENWERKSTATT-TEAMER Matthias Schellenberger ist als umsetzungsstarker Medienprofi mit jahrelanger Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen an „Brennpunkten" vor Ort dabei. Unter seinem Künstlernamen MASCH setzte er unzählige Medienprojekte mit Kindern und Jugendlichen für Vincentino und andere Träger um. Corinna von Bodisco, Journalistin und Hörspielmacherin, wird bei zwei Klassen zusätzlich als Teamerin dabei sein, um die Jugendlichen bei Audio-Produktionen zu unterstützen.

ZUKUNFT Nach dem ersten Fokus 2021 auf junges jüdisches Leben möchten wir die Programmreihe gerne fortsetzen und die Lebenswelten junger Sinti und Roma, junger Muslim*innen, oder unterschiedliche Familienkonstellationen und Lebensweisen mit den Schüler*innen kennenlernen.

Das gesamte Programm des Jubiläumsjahres #2021 JLID Jüdischen Leben in Deutschland gibt es hier: https://2021jlid.de/programm/

Wir danken 2021JLID, der Axel-Springer-Stiftung und der Szloma-Albam-Stiftung für die Unterstützung.

Wir starteten mit einer Projektwoche an der Adolf-Reichwein-Schule in Neukölln vom 19.4.- 23.4.2021, die Lehrerin Anne Gabrikowski begleitete die Klasse. Mit dabei waren:

  • Mirna Funk, Autorin und Journalistin, ist eine unserer jüdischen Protagonistinnen. Sie leitet die Kids durch die Projektwoche, erweitert mit ihnen ihr Wissen zu jüdischer Kultur und Religion, besucht mit ihnen eine Synagoge, geht mit ihnen im Sinne der jüdischen Essenskultur einkaufen, kocht gemeinsam mit MASCH, Sofie und Guy und den Schüler*innen und teilt mit ihnen ihr Wissen über jüdische Lebenswelten.
  • Matthias Schellenberger (MASCH), Medienprofi und Leiter der Medienwerkstatt von Vincentino e.V. Er hat für Vincentino bereits über viele Jahre in vielen Projekten mit den Kids aus der Adolf-Reichwein-Schule Video-Clips uvm gedreht und auch eine Wanderaustellung zum Widerstandskämpfer Adolf Reichwein erarbeitet, die erfolgreich tourt. MASCH erstellt mit den Kids hier die Medienbeiträge (Quiz, Film, Videoclips, Instagram-Posts, etc.) in Zusammearbeit mit Sofie Beerfeltz, die sich ein Jahr ehrenamtlich für Vincentino engagiert.
  • Noa Rosenberg macht eine Ausbildung zur Grafikdesignerin. Als Abschlussprojekt gestaltet sie momentan ein israelisches Kochbuch mit jüdischen Traditionen. Ihr Wissen über jüdische Essensregeln und Traditionen teilt sie mit den Schüler*innen im Rahmen unseres Projektes.
  • Guy Ballassiano, besitzt das Café Mugrabi, ein Deli mit moderner Levantenküche in Kreuzberg. Zusammen mit ihm bereiten die Kids Mahlzeiten nach der jüdischen Tradition zu. Die Website seines Cafés: https://www.cafemugrabi.com/ 
  • Josh Weiner, Rabbi, Sozialarbeiter und Lehrer, führt die Kids durch die Synagoge am Fraenkelufer.  Die Schüler*innen der Adolf Reichwein Schule haben gute Fragen gestellt, und wir haben viel zusammen gelacht. Für mich ist es wichtig, dass Juden in Berlin als Nachbarn gesehen werden und nicht als Fremde.  Rabbi Josh Weiner

 

 

Ausschnitt aus Noa Rosenbergs Projekt im Rahmen ihres Studiums.

 

Bericht der Projektwoche im Mai 2021, erstellt von unserer Freiwilligen Sofie Beerfeltz:

Der erste Tag begann mit einer Vorstellungsrunde, in der sich die Dozenten Matthias Schellenberger, Leiter der Medienwerkstatt von Vincentino, und Mirna Funk, jüdische Journalistin und Schriftstellerin und ich, Sofie Beerfeltz im Freiwilligen Sozialem Jahr bei Vincentino, den Schüler*innen vorstellten.

Nachdem wir das Programm für die kommende Woche mit den Kindern besprochen hatten, schrieben sie anonym Begriffe auf, die sie vom Judentum kannten. Die Zettel wurden eingesammelt und gemeinsam in die Kategorien Religion, Kultur und Geschichte geordnet. So konnten wir bereits über ein paar grundlegende Merkmale des Judentums reden und stellten erste Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Judentums zu anderen Religionen, insbesondere den Islam, fest.

Am zweiten Tag besuchte uns ein jüdischer Koch, Guy Ballassiano, der seit mehreren Jahren in Deutschland lebt und in Berlin ein israelisches Restaurant besitzt. Mit ihm und einer jungen jüdischen Designerin Noa Rosenberg, die gerade an einem israelischem Kochbuch arbeitet, planten wir, welches Essen wir am nächsten Tag kochen würden.

Dabei wählten wir die verschiedenen Gerichte wie „Shakshuka“ – pochierte Eier in einer Tomatensoße mit Paprika und Zwiebeln - anhand der Lieblingsessen der Kinder aus.

Gleich danach schrieben wir eine lange Einkaufsliste und zogen los, um die einzelnen Zutaten zu kaufen.

Am Mittwoch begann das eigentliche Kochen: Wir schälten jede Menge Kartoffeln und schnippelten Zwiebeln, Tomaten und allerlei anderes Gemüse. Wir brutzelten die israelische Kartoffelpuffer „Latkes“ und backten sogar selber traditionelles jüdisches Zopfbrot namens „Challah“. Für das leckere Ergebnis – so waren sich alle einig - hat sich die ganze Arbeit gelohnt. Und das gemeinsame Essen auch mit Guys Frau und Tochter und allen Schüler*innen war sehr schön.

Am darauffolgenden Tag gingen wir gemeinsam zu einer Synagoge und trafen den Rabbiner der Gemeinde, Josh Weiner. Er erzählte uns viel über das gemeinsame Beten, die Geschichte der Synagoge und – was für mich am faszinierendsten war – auch etwas über die Tora. So wird das heilige Schriftstück der Juden genannt. Sie ist ausgerollt so lang wie ein Fußballfeld und besteht aus Kuhhaut. Da die Tora heilig ist, darf dem Schreiber bei der Herstellung kein einziger Fehler passieren, sonst muss er von vorne anfangen. So etwas kann bis zu zwei Jahren dauern.

Am letzten Tag unserer Projektwoche besprachen wir noch einmal alle Eindrücke, die wir diese Woche gesammelt haben, wir sichten das digitale Material, schauten die Fotos und filmischen Mitschnitte an, die wir in den kommenden Wochen verarbeiteten zu kleinen Clips für usneren Instagram-Account: juedische_lebenswelten. Es war schön zu sehen, an wie viel sich die Schüler*innen erinnerten.

 

Videos

Interview mit Restaurantbesitzer Guy Ballassiano
Projektausschnitte für das Festival "Offenes Neukölln"

Projekte